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GABOT, 12.01.2016 - 12:08 Uhr
*Gartenmarkt, Vermischtes

Praktiker-Insolvenz: Zwei Drittel der Beschäftigten haben wieder einen Job

Verbleib der Teilnehmer/innen der Praktiker-Transfergesellschaften auf dem Arbeitsmarkt. Ergebnisse zum Befragungszeitpunkt im März 2015. Quelle: Helex Institut. N=1.635.

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Was wurde aus den rund 15.000 Beschäftigten der Praktiker- und Max Bahr-Baumärkte, die 2013 ihren Job verloren? Nach der Insolvenz der beiden Baumarktketten der Praktiker AG waren 8.000 ehemalige Mitarbeiter in sogenannte Transfergesellschaften gewechselt – im deutschen Einzelhandel ein selten eingesetztes arbeitsmarktpolitisches Instrument. Das Bochumer Helex-Institut hat die Leistung der sechs beteiligten Transferträger sozialwissenschaftlich untersucht und seinen Befund jetzt so zusammengefasst: „Die Transfergesellschaften zur Insolvenz der Praktiker-/Max-Bahr- Baumärkte waren eine wichtige Hilfe für die Beschäftigten nach dem Verlust der Arbeitsplätze. Sie haben dem Großteil der Betroffenen neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt eröffnet und waren ein arbeitsmarktpolitischer Erfolg.“ Koordiniert wurde die Arbeit der Transfergesellschaften von der Essener PCG Project Consult GmbH.

Institutsgeschäftsführer Gernot Mühge erläutert, dass es der zentrale Erfolgsmaßstab der Evaluation war, wie die Beschäftigten die Qualität der arbeitsmarktpolitischen Unterstützung in der Transfergesellschaft einschätzen. Aus anderen Studien wisse man und die aktuelle Untersuchung habe es bestätigt, dass Arbeitnehmer, die nach Arbeitsplatzverlust in eine Transfergesellschaft überwechseln, ihre sozialen Risiken sehr realistisch einschätzen. Sie haben hohe Erwartungen an die Beratung und arbeitsmarktpolitische Unterstützung in der Transferzeit. Die Daten über die individuelle Zufriedenheit sollten ermitteln, inwieweit diese Erwartungen von den Transfergesellschaften erfüllt worden sind.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich knapp 70% (69,3%) der Transferteilnehmer/innen durch ihren persönlichen Transferberater gut oder sehr gut beraten fühlten. Hinsichtlich der Qualität der Transfergesellschaft im Allgemeinen antworteten etwa zwei Drittel (64,9%) der Befragten, dass sie mit den Leistungen insgesamt zufrieden oder sehr zufrieden waren. Zum Vergleich: In einer Studie über 13 Transfergesellschaften aus dem Jahr 2012 liegt der Anteil der Teilnehmer/innen mit positivem Gesamturteil mit 67,5% um 2,5 Prozentpunkte höher.

Diese geringe Differenz sei überraschend, betont der Sozialwissenschaftler, denn im Vergleich zu anderen hätte das Praktiker-Transferprojekt besondere Schwierigkeiten meistern müssen. „Eine Hürde war die Insolvenz des Unternehmens, wegen der die Mittel für Qualifizierung niedrig ausfielen. Zudem war die Laufzeit der Transfergesellschaft kurz. Abhängig von der Betriebszugehörigkeit hatten die Beschäftigten einen Anspruch auf drei bis sechs Monate Transfer, gesetzlich möglich sind zwölf Monate.“

Für die Koordinierungsstelle PCG Project Consult und die sechs beteiligten Transferträger sei die extrem kurze Vorbereitungszeit für einen der größten Fälle in der Geschichte dieses Arbeitsmarktinstruments eine enorme Herausforderung gewesen. Sie hatten nur wenige Wochen, um arbeitsfähige Transferbüros im gesamten Bundesgebiet aufzubauen und Informationsveranstaltungen und Profilings für rund 8.000 Beschäftigte durchzuführen. Dies bedeutete einen immensen administrativen und organisatorischen Kraftakt, der sich auch auf die Beratungsarbeit ausgewirkt hat, stellten die Wissenschaftler des Instituts fest.

Die Evaluationsergebnisse zeigen, dass es den Trägern gelungen ist, die Qualität ihrer Arbeit im laufenden Transferprojekt zu verbessern. Dazu ein Beispiel: Die Teilnehmer/innen wurden gefragt, ob sie das Modell der Transfergesellschaft Freunden und Bekannte, wenn diese sich in einer vergleichbaren Situation befinden, weiterempfehlen würden. 77,5% der Teilnehmer/innen, die in den ersten drei Monaten von Oktober bis Dezember 2013 in die Transfergesellschaft eingetreten sind, stimmen dieser Frage zu. Die Zustimmung steigt unter denen, die später, ab Januar 2014 eingetreten sind, noch einmal um 10 Prozentpunkte: Von dieser Gruppe der Befragten empfehlen 87,5% die Transfergesellschaft weiter.

PCG-Geschäftsführer Klaus Kost betont die bisherige Einmaligkeit des Kraftaktes, „Kooperation statt Konkurrenz, Qualitätskontrolle , Koordination durch einen Beirat, die Stelle eines Mitbestimmungsbeauftragten – eine solche Arbeitsorganisation von sechs Transferträgern hat es so überhaupt noch nicht gegeben, auch nicht in anderen Branchen.“ Transfergesellschaften, so Kost, beginnen ihre Arbeit in einer hochbelasteten Situation. In Einzelfällen seien Missverständnisse und Frust unvermeidbar. Es sei gelungen, zwischen der Mehrzahl der Beteiligten Kommunikation und Kooperation auf ungewöhnlich gutem Niveau in Gang zu bringen, ein Verständnis gemeinsamer Verantwortung zu erzeugen und darin die Insolvenzverwalter und die Gewerkschaft ver.di mit einzuschließen.

Der PCG-Geschäftsführer verweist in diesem Zusammenhang auf die erheblichen wirtschaftlichen Effekte für Gläubiger und Insolvenzverwalter. „Mit Hilfe der Transferträger wurde die Praktiker- Belegschaft motiviert, sich auch in dieser deprimierenden Lage für einen erfolgreichen Abverkauf zu engagieren. Fast 300 Mio. Euro wurden dabei erlöst bei weniger als 50 Mio. Euro Kosten für die Transfergesellschaften.“

Die Bochumer Arbeitsmarktforscher haben auch den Verbleib der Transferteilnehmer/innen auf dem Arbeitsmarkt gemessen. Zum Zeitpunkt der Befragung, im Frühjahr 2015, waren etwas mehr als zwei Drittel (67,6%) der Beschäftigten in neuer sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, etwa 3,3% sind in Rente. 25,0% der Praktiker-Beschäftigten bezogen Arbeitslosengeld. Fragt man diese Gruppe nach der Qualität der Transfergesellschaft, tendieren 69,6% zu einem positiven Ergebnis. Dies ist annähernd der gleiche Wert wie bei den Teilnehmer/innen, die in Beschäftigung übergegangen sind (68,5%). Der Status auf dem Arbeitsmarkt, so die Studienergebnisse, hat keinen Einfluss darauf, wie die Qualität der Transferberatung durch die Teilnehmer/innen bewertet wird. Dies bestätige die These, so Mühge, dass Daten über den Verbleib auf dem Arbeitsmarkt für sich allein keinen geeigneten Indikator darstellen, um die Qualität arbeitsmarktpolitischer Beratung zu bewerten.

Zum Hintergrund

Das Bochumer Helex Institut hat in einem umfassenden sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekt die Transfergesellschaften der Praktiker-/Max-Bahr-Baumarktketten untersucht. Kern der Evaluation war eine Breitenbefragung der etwa 8.000 ehemaligen Beschäftigten des Baumarktkonzerns. Ziel der Studie war die Messung der Qualität des Beschäftigtentransfers, die Dokumentation der Zusammenarbeit der beteiligten Träger der Transfergesellschaften und die Identifikation von Verbesserungspotential für zukünftige Transferprojekte. Die Evaluation wird gemeinsam von den Insolvenzverwaltern und den Trägern der beteiligten Transfergesellschaften finanziert. Die Praktiker AG, eine der größten Baumarktketten Deutschlands, hatte im Juli 2013 die Zahlungsunfähigkeit erklärt. Nur wenige Wochen später folgte die Insolvenz der Praktiker- Unternehmenstochter Max Bahr. Etwa 15.000 Beschäftigte verloren ihren Job. Von ihnen hatten rund 8.000 die Möglichkeit, in eine Transfergesellschaft zu gehen. Sechs Träger von Transfergesellschaften schlossen sich unter Federführung der Essener PCG-Project Consult im Spätsommer 2013 zusammen, um im gesamten Bundesgebiet eine flächendeckende Transferberatung zu gewährleisten und die Beschäftigungschancen der früheren Mitarbeiter/innen der Baumarktkette zu verbessern. (Quelle: Helex Institut) 


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